Sich auf dem eigenen Erfolg auszuruhen, ist keine gute Idee. Im digitalen Zeitalter erst recht nicht. Auch etablierte DAX-Konzerne haben das längst erkannt. Um Innovationen voranzutreiben und neue Geschäftsfelder zu erschließen, gehen viele von ihnen deshalb Kooperationen mit Startups ein. Die Berliner Forscher Prof. Julian Kawohl, Andrej Welsch und Florian Nöll haben untersucht, welche der Big Player besonders aktiv sind und was sie bei den jungen Firmen suchen. Wir konnten uns mit Julian über die Ergebnisse der neuen Studie unterhalten.

Julian, wie kam es dazu, dass ihr euch im Rahmen einer Studie mit der Zusammenarbeit von Startups und DAX-Unternehmen beschäftigt habt?

Ich forsche schon länger zu dem Thema, wie sich etablierte Konzerne neu erfinden und erfolgreich digitale Ökosysteme etablieren können. Das ist intern durch eigene Programme möglich, aber auch extern durch die Kooperation mit Startups als Hebel für Innovation.

Welche Datenbasis habt ihr für eure Untersuchung herangezogen?

Wir haben zwei verschiedene Arten von Quellen genutzt: Zum einen Geschäfts- und Lageberichte der DAX-Unternehmen, die Daten zu Kooperationsmaßnahmen enthielten, und zum anderen Datenbanken wie Crunchbase, die weiterführende Infos über die Startups geben. Insgesamt haben wir uns über 400 Beispiele angeschaut. Man muss aber dazu sagen, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist, denn gerade, wenn es um neue Technologien geht, möchten die Firmen nicht unbedingt sofort veröffentlichen, in was sie investieren.

Was hat dich persönlich im Laufe der Studie besonders überrascht?

Überrascht hat mich, das drei Viertel der Startups für die DAX-Unternehmen vor allem wegen ihrer Geschäftsmodell-Innovationen interessant waren. Nur ein Viertel entfiel auf Produkt- und Prozessinnovationen. Der deutschen Wirtschaft wird oft vorgeworfen, dass sie sich zu wenig um Innovationen kümmert und mehr die Prozesse in den Blickpunkt nimmt. Unsere Daten haben das nicht bestätigt.

Die zweite Überraschung war, dass nur vier DAX-Unternehmen, nämlich die Deutsche Telekom, Pro Sieben, SAP und BMW, die Hälfte aller Partnerschaften ausmachten. Viele andere namhafte Player scheinen, zumindest wenn man wie wir die Informationen in den Geschäftsberichten betrachtet, vergleichsweise zurückhaltend zu sein, was die Kooperation mit Startups betrifft.

Und die dritte Überraschung war die Verteilung bei den unterschiedlichen Formen der Kooperation. Bei 82 Prozent haben die DAX-Unternehmen nur investiert, in 12 Prozent der Fälle handelt es sich um eine Akquisition und bei den verbleibenden 6 Prozent um eine Partnerschaft.

Auf diese Punkte würde ich gern genauer eingehen. Warum sind die Geschäftsmodell-Innovationen für die DAX-Unternehmen so attraktiv?

Erstmal ist es ja so, dass die DAX-Konzerne als „träge Tanker“ mit teils Hunderttausenden Mitarbeitern seit Jahrzehnten im ruhigen Fahrwasser unterwegs sind und vor allem das tun, was sie gut können, z.B. Maschinen, Autos, Versicherungen zu bauen, zu vertreiben und weiter zu entwickeln. Was sie mitunter nicht so gut können, ist, digital zu denken und Wege zu finden, um neue Produkte oder Dienstleistungen digital zu unterstützen. Gerade da macht es Sinn, mit Startups zu kooperieren, die das in der DNA haben, die ganz anders denken und bewusst neue Wege suchen, um Problem anzugehen. Die Startups sind eine Möglichkeit, sich dieses Wissen und eventuell auch neue Marktzugänge schnell und kostengünstig anzueignen. In einem Wirtschaftssystem, in dem zunehmend Branchengrenzen fallen und Produktunternehmen durch Ökosysteme ersetzt werden, muss ich schnell die Bedürfnisse der Nutzer erkennen und entsprechende Angebote erstellen. Hier sind die Startups deutlich stärker.

Dass Deutschland in puncto Digitalisierung hinterherhängt, ist schon seit Jahren ein vieldiskutiertes Thema. Wie erklärst du dir, dass die Zahl der DAX-Unternehmen, die im großen Stil die Kooperation mit Startups suchen, trotzdem noch so überschaubar ist?

Für die DAX-Unternehmen gibt es zwei Gründe, aus denen sie solche Kooperationen eingehen. Entweder haben sie Innovationsdruck, weil ihnen das Wasser bis zum Halse steht oder sie möchten unabhängig davon Vordenker in einem bestimmten Bereich sein. Ich kann mir vorstellen, dass der aktuelle Erfolg viele Konzerne hier ein wenig träge macht. Bei anderen mag das Verständnis dafür, dass sich etwas verändern muss, noch nicht so wirklich da sein. Das liegt sicher auch daran, dass viele der oberen Manager keine Digital Natives sind. Genau das haben wir in einer in einer Studie im vergangenen Jahr nachgewiesen.

Nur bei 12 Prozent der von euch analysierten Unternehmen kam es zum Kauf durch einen DAX-Konzern. Sollten Startup-Gründer also lieber nicht auf den Exit hoffen?

Auf den Exit zu spekulieren, kann man den Unternehmern an und für sich nicht austreiben. Dass das mit einem DAX-Konzern funktioniert, ist in Deutschland aber gemessen an unseren Daten tatsächlich eher die Ausnahme. Für die Gründer bedeutet das, vielleicht doch einmal über den großen Teich zu schauen oder zu überlegen, wie man für die Konzerne so attraktiv wird, dass sie kaufen wollen.

Ich glaube aber, dass die Übernahmequote, sollten wir die Studie in zwei bis drei Jahren wiederholen, wesentlich höher sein wird. Damit die Konzerne sich trauen, braucht es andere erfolgreiche Exits. Wenn man sich in der Deutschen Startupszene umschaut, gibt es dafür aktuell noch zu wenige positive Beispiele.

 

Über Julian Kawohl

Prof. Dr. Julian Kawohl verfolgt in seiner Professur eine ganzheitliche Vordenker-Perspektive auf das digitale Management der Zukunft. Im Sinne eines umfassenden „Leibniz-Ansatzes“ geht es ihm darum, wesentliche Stellhebel und Erfolgsfaktoren der digitalen Transformation im großen Zusammenhang zu verstehen, zu analysieren und für die Managementpraxis in Form von konkreten Best Practice-orientierten Handlungs- und Umsetzungsempfehlungen greifbar zu machen. Hierbei kombiniert er wissenschaftliche Fundierung mit hohem Anwendungsimpact („für die Praxis, mit der Praxis“). Basis für diese Vorgehensweise ist der permanente „Wandel zwischen den Welten“ von Corporates und Startups.

 

Über Ambi-Vation

Ambi-Vation verbindet innovative Unternehmen und Startups für Innovations-Partnerschaften. Dabei forciert Ambi-Vation als Innovationsberatung und Match-maker die Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups im Rahmen eines allgemeinen Austauschs sowie im Rahmen von konkreten Kunden-, Lieferanten- und Forschungspartnerschaften. Konkret unterstützt Ambi-Vation Unternehmen bei der Bedarfsidentifikation, Startupidentifikation, Startupbewertung und Kooperationsanbahnung der Zusammenarbeit. Dazu dienen Formate wie beispielsweise die Recherche von relevanten Startups, ein Startup-Monitoring, strategische Kooperationsberatung oder Eventformate wie Startup Touren. Der monatliche Newsletter informiert zudem neugierige Unternehmensvertreter über aktuelle Kooperationsbeispiele und Events zu diesen Kooperationen.